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Rezension
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22.09.2008, 22:18 Uhr |
| Erstausgabe einer neuentdeckten Choralfantasie für Orgel von J. S. Bach lässt Fragen offen |
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Johann Sebastian Bach: Fantasie für Orgel über den Choral „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“ (BWV 1128), hrsg. von Stephan Blaut und Michael Pacholke mit einem Vorwort von Hans-Joachim Schulze, Beeskow 2008: Ortus Musikverlag. ortus organum 1. 13 Seiten Text (dreisprachig) mit von 2 Faksimile-Abbildungen, 9 Seiten Notentext, 13,50 Euro
Von der umfangreichen Fantasie über das Kirchenlied „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“ waren bisher nur im Anhang des Bach-Werke-Verzeichnisses (Anhang II Nr. 71) und in: Johann Sebastian Bach: Orgelchoräle zweifelhafter Echtheit. Thematischer Katalog, hrsg. von Reinmar Emans unter Mitarbeit von Michael Meyer-Frerichs, Göttingen 1997 (Privatdruck des Bachinstituts Göttingen), S. 84, Nr. 195 die ersten Takte mitgeteilt. Emans´ Katalog vermerkt als Quellenangabe: „Auktion Kötschau, 1845, S. 21 (Quelle nicht nachweisbar).“ Beim Erwerb einiger Musikalien für die Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle/Saale aus dem Nachlass des früheren Thomaskantors und Bach-Herausgebers Wilhelm Rust (1822–1892) machten zwei Hallenser Musikwissenschaftler den Zufallsfund: Eine vollständige Abschrift der Fantasie von der Hand Rusts aus dem Jahre 1877. Diese Komposition wurde von den beiden Findern am 10. Juni 2008 als Erstausgabe vorgelegt.
Im Vorwort zeichnet der Leipziger Bachforscher Hans-Joachim Schulze den Überlieferungsweg der Komposition nach, soweit er sich rekonstruieren lässt: Einer der Besitzer war der von 1813 bis 1816 in Halle als Organist und Musikdirektor der Marienkirche tätig gewesene Johann Nicolaus Julius Kötschau (1788–1845), in dessen Nachlasskatalog unsere Komposition mit anderen Orgelstücken J. S. Bachs als „Fantasie über: ,Wo Gott der Herr nicht bei uns hält’“ verzeichnet ist. Als der Nachlass 1845 in Naumburg versteigert wurde, konnte Friedrich August Gotthold (1778–1858) die Bach’schen Musikalien erwerben. 1852 vermachte Gotthold seine Musikalien der Universitätsbibliothek Königsberg. Wilhelm Rust hat sich im Zuge der Arbeiten an der Bach-Gesamtausgabe auf dem Fernleihweg von dort Bach’sche Musikalien nach Berlin kommen lassen und konnte so von der Fantasie eine Abschrift nehmen. Da Rust 1878 nach Differenzen seine Mitarbeit an der Gesamtausgabe beendete, ist wohl deshalb die Veröffentlichung der Fantasie unterblieben. 1892 ging Rusts musikalischer Nachlass an seinen Schüler Erich Prieger (1849–1913). Der Teil von dessen Bachiana, den er von Rust bekommen hatte, wurde von Manfred Gorke (1897–1956) erworben. Der heutige Aufbewahrungsort der Sammlung Gorke ist das Bach-Archiv Leipzig. Womöglich gelangten als überflüssig erachtete Musikalien aus dieser Sammlung irgendwann wieder auf den Markt. Jedenfalls wurden nun am 1. März 2008 bei einer Auktion in Leipzig ein „handschriftlicher Nachlass Rusts“ mit überwiegend eigenen Kompositionen oder Arrangements Bachscher Werke“ angeboten und von den „Hallensern“, nicht aber von den „Leipzigern“ ersteigert. Schulze deutet den hypothetischen Weg, den die J. S. Bach’sche Fantasie genommen haben könnte, nachdem sie aus dem Bach’schen Haus gegeben worden war, nur vorsichtig an. Der älteste Sohn, Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784), könnte die Handschrift als Erbstück erhalten und später, als er in Halle als Musikdirektor von 1746 bis 1764 amtierte (danach privatisierte er dort noch bis 1770), an seinen Schüler Johann Christian Bach (1743–1814), den „Hallischen Clavier-Bach“, verkauft oder verschenkt haben. 1814 will Kötschau (s. o.) seine „sämtlichen Bach’schen Musikalien etc.“ vom „Clavier-Bach“ „als ein heiliges Andenken aus besonderer Gunst bekommen“ haben. Eine andere Quelle berichtet, dass Kötschau die Musikalien 1814 bei einer Auktion in Halle erworben hat. Schulze schreibt dazu, dass weder alle Musikalien J. Chr. Bachs durch Kötschaus Hände gegangen sind noch dass alle Bachiana Kötschaus auf den „Hallischen Clavier-Bach“ zurückgeführt werden können.
Der durch die Hallenser Wissenschaftler Blaut und Pacholke abgefasste Kritische Bericht verschweigt leider wichtige Details des äußeren Erscheinungsbildes der Abschrift, was umso bedauerlicher ist, weil neben der Titelseite nur die erste Notenseite faksimiliert ist: Der Manual-Echo-Abschnitt in der Fantasie (Takt 22–37) nämlich ist in der Quelle auf 4 Notensystemen pro Akkolade notiert. Das deutet auf eine Vorlage in „Neuer deutscher Orgeltabulatur“ hin, in der bei norddeutscher Orgelmusik manchmal Manualwechsel räumlich durch wechselnde Stimmbänder dargestellt wurden (im Internet sind schemenhaft die Innenseiten des Innenbogens der Handschrift bei der Pressepräsentation zu erkennen: Uni Halle ). Leider wird diese sehr sinnvolle Notationspraxis, die sich hier bei Rust auch in der Umschrift in Notenschrift erhalten hat, nicht in die Neuausgabe übernommen. Stattdessen wird der Notentext mit einer Vielzahl von Winkelklammern und Manualbezeichnungen belastet. Die Notierung der Solostimme in Sextolen in den Takten 83–84 bei Rust (der Schreiber der zweiten Quelle korrigiert hier schon, indem er stattdessen 2 Triolen schreibt) ist eine Eigenheit in der Niederschrift norddeutscher Orgelmusik, die offen lässt, ob man 2x3 oder 3x2 Noten zusammenfasst. Auch dass in Rusts Abschrift, die sich hierin mit Sicherheit an die Kopiervorlage anlehnt, die Solostimme (die Zuweisung der Solostimme oder des Forte bei Manual-Echos an das Rückpositiv ist wohl ein Notations-Standard in der norddeutschen Orgelmusik, der nicht unbedingt im wörtlichen Sinn das Manual bezeichnet, auf dem gespielt werden muss) immer im obersten System der Akkolade notiert ist, auch wenn sie in den Tenor- oder Bassbereich wechselt, zeigt, dass Bach eine spezielle Notationsweise der Hamburger Orgelmusik (Hieronymus Praetorius [1560–1629] und Vincent Lübeck [1654–1740]) gekannt und selber praktiziert hat. Für den Spieler ist es wichtig zu wissen, dass er nicht die Hände überkreuzen muss, um Skalengänge bis zum großen C mit der rechten Hand zu meistern. Vielmehr kann er an geeigneten Stellen die Hände tauschen und mit der linken Hand auf dem Solomanual spielen.
Übrigens wird noch eine zweite Quelle (B, nach 1890) – eine Abschrift von Ernst Naumann (1832–1910) – aus dem Bacharchiv Leipzig zur Edition herangezogen. Sie hat keine Signatur. Warum sie so plötzlich aufgetaucht ist (sie wird in Emans’ Katalog nämlich auch nicht erwähnt) und warum sie nicht schon vorher benutzt wurde, um die Bach‘sche Komposition zu publizieren, verschweigt die Neuausgabe. Ein genauer Vergleich der Abweichungen lässt mich – anders als die Herausgeber, die die Quelle B für eine Abschrift von A halten – auf eine unabhängige Kopienahme von B aus der gleichen Vorlage, die Rust zur Verfügung hatte, schließen. Hier sind die Takte 6 und 7/8 und 9 besonders zu beachten: In Takt 6 liest Nauman im Gegensatz zu Rust zweimal e‘ (mit Auflösungszeichen), in Takt 8 widerruft er diese durch ein Warnungsakzidenz b vor e‘ bei der ersten Note von Taktzeit 2. Den gleichen Sachverhalt finden wir dann in den beiden nachfolgenden Takten 8 und 9. Die Naumannschen Versionen scheinen mir hier die richtigen zu sein. In Takt 76 verweist Naumann nach Auskunft des Krit. Berichts mit einem „N. B.“ auf die Rust‘sche Abschrift, was zeigt, dass ihm auch diese zur Verfügung gestanden haben könnte, er aber nach einem Abgleich bei den Details seiner Übertragung geblieben ist. Hätte Naumann wirklich allein die Rust‘sche Abschrift kopiert, so wäre es im übrigen philologisch überflüssig, im vorliegenden Krit. Bericht die Abweichungen der Naumannschen Quelle aufzuzählen.
Die Komposition selbst ist musikalisch und technisch recht anspruchsvoll. Die Anlage ist dreiteilig: Im Eingangsteil (Stollen = 1.–4. Choralzeile) dominiert die kontrapunktische Verarbeitung. Wie in ihren norddeutschen Vorbildern (Buxtehude, Bruhns) wird dem Cantus firmus ein Kontrapunkt, der im Eingangsteil beibehalten wird, beigegeben. Cantus Firmus-Fragmente der 5. Choralzeile (Abgesang) benutzt Bach im Mittelteil, der dann mit einmaligem Zitieren der 6. Choralzeile monodisch „a 2 Clav: e Pedale“ im Rückpositiv schließt, für Manual-Echos. Der Schluss (Abgesang = letzte Choralzeile, der Cantus firmus wandert durch alle Stimmen) ist wie der Eingangsteil gearbeitet, weist aber viel virtuosere Züge auf und schließt mit einer Stretta. Ob man nur an den Echostellen festmachen kann, dass BWV 1128 eine Schwesterwerk der Choralfantasie „Christ lag in Todesbanden\" BWV 718 ist, wie verschiedentlich zu lesen war, halte ich für zu einseitig gesehen. Das Griff- und „Trittbild“ einer solchen aus der Improvisation entstandenen Kompositionen erinnert an Bachs Fuge g-Moll BWV 542/2 und an das Trio d-Moll BWV 583 mit ihren Treppenschritten in Sechzehntelnoten im Pedal. Manche Ähnlichkeiten mit der Fantasie „Christus, der uns selig macht“ BWV 747 lassen vermuten, dass Bach noch weitere Fantasien in der mitteldeutschen Art komponiert hat, die ihre norddeutschen Vorbilder äußerlich domestiziert nachahmen (Bachs Fantasie hat nur 85 Takte, Reinckens Fantasie über „An Wasserflüssen Babylons“ dagegen 328). Der fortgeschrittene obligate Pedalsatz deutet für mich auf Bachs frühe Weimarer Zeit hin.
Die Edition des Notentextes ist fehlerfrei, soweit man das ohne einen Abgleich mit der Vorlage beurteilen kann. Leider sind die Taktstriche nicht wie in der Handschrift durch alle drei Notensysteme der Akkolade gezogen. Man wünscht sich weitere Fachdiskussionen über diesen wertvollen Fund.
Rüdiger Wilhelm

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| Kategorie: Noten |
Autor: wilhelm |
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